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Predigt über Mt.13,31-33

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Notes & Transcripts

Predigt über

Autor: Thomas Ehlert nach CD Thielicke Bilderbuch Gottes

Erstelldatum: 19. Mai 2005

Titel: Vom Senfkorn / Bibelstelle: Mt.13,31-33

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Seiten: 7  
Wörter: 4727  
Zeichen: 24643  

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Gepredigt:

Datum Ort Bemerkungen
22.5.05 Hadd. Predigtreihe Wachsen
     
     
     

Gliederung:

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Einleitung

Wenn man dies Gleichnis recht verstehen will, muss man sich zuerst die Stimmung der Leute klarmachen, die da um Jesus herumstehen. Sie sind teils deprimiert, teils voller Erwartung und erregt. Es ist ja schließlich ein Unterschied, ob man dem merkwürdigen Unterneh­men dieses Nazareners mit der Reserve eines wohlwollenden Zu­schauers gegenübersteht – das kostet nichts, und da kann man, wenn die Sache brenzlig wird, immer noch rechtzeitig abspringen –, oder ob man seine ganze Existenz an diesen Jesus von Nazareth gehängt hat, ob man zum Beispiel seinetwegen den Beruf aufgegeben und alles auf diese eine und einzige Karte gesetzt hat. Das haben die Männer um ihn her aber wirklich getan. Und nun fragen sie begreiflicherweise: Was kommt dabei heraus? Welche Bilanz können wir ziehen?

Die Antwort ist eine Fehlanzeige und ein ziemlich gequältes Achsel-Zucken. Es passiert nahezu nichts. Gewiss, einigen Armen, Einsamen und Kranken wird geholfen. Aber das ist eine Winkelsache und ver­pufft sozusagen. Die geistige und politische Führungsschicht lehnt ihn ab, oder aber, was noch schlimmer ist, sie ignoriert ihn. Die Haupt­stadt tut, als ob er gar nicht da wäre. Die griechischen und römischen Kulturzentren bemerken nichts von diesem Sturm im galiläischen Wasserglas – ebenso wie später die Klassiker der so genannten Neuzeit nur in bescheidener Weise Notiz von ihm nehmen werden.

Jesus hat zwar behauptet, das Reich Gottes sei angebrochen. Aber wenn man einmal realistisch und nüchtern fragt: »Wo denn? «, dann ist es peinlich. Die paar schmutzigen Kinder, die hinter ihm herlaufen, die Bettler und die paar Randsiedler der Gesellschaft, mit denen sich ein flüchtiger Kontakt bildet, können ja nicht gut das Reich Gottes sein. Und an so etwas hat man nun seine ganze Existenz gesetzt!

Die Welt also nimmt keine Notiz von ihm. Ist das aber nicht eine Widerlegung des ganzen christlichen Unternehmens einschließlich seines Gefolges, das man später »Kirche« nennen wird?

Ist Jesus Herr?

Thieliecke erzählt:

Als ich Pfarrer wurde und meine erste Bibelstunde hielt, wollte ich sie halten im Vertrauen auf das Wort Jesu: »Mir ist gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden. « Ich sagte mir dieses Wort vor, um dessen Gewiss zu sein, dass Hitler – der damals an der Macht war – samt seiner ganzen schrecklichen Maschinerie der Gewalt auch nur an den Drähten hinge, die von dieser einen gewaltigen Hand gesteuert werden. Und dann saßen in dieser ersten Bibelstunde nur ein paar sehr alte Frauen und ein noch viel älterer Organist. Das war ein sehr wür­diger Mann, aber er hatte die Gicht in den Fingern, und das machte sich beim Spielen unangenehm bemerkbar.

So weit hatte es also dieser Herr gebracht, dem alle Gewalt im Him­mel und auf Erden gegeben, angeblich gegeben war. Und draußen marschierten die jungen Bataillone, die ganz anderen Herren untertan waren. Mehr hatte er mir also an diesem Abend nicht vorzusetzen. Ja – was hatte er denn überhaupt zu bieten? Und wenn es nicht mehr sein sollte – wird er dann durch diese atemraubende Kümmerlichkeit nicht widerlegt?

Das Gleichnis ist eine Stärkung

Das etwa ist die Stimmung der Jünger, wie sie die Atmosphäre unseres Gleichnisses spiegelt. Ich glaube, wir könnten jetzt auch eine gewisse Stärkung brauchen, genau wie die Jünger.

»Ja«, sagt der Herr, und gibt seinen Leuten diese Stärkung: »Ihr habt recht; es fängt bei mir alles sehr klein an. Von außen gesehen steht mein Werk und stehe ich selber im Zeichen des Minimums.« Und dann malt er das Bild eines Mannes, der mit zwei spitzen Fingern in eine Samentüte fasst und ein Senfkorn – ein richtiges Minimum, weiß Gott! – herausnimmt. Es ist übrigens ein Kunststück, überhaupt ein einziges zu erwischen, weil es eben so winzig ist. Ganze hundert gehen nämlich auf ein Gramm. Und wer keine sehr guten Augen hat, muss erst die Brille aufsetzen, um es überhaupt zu erkennen.

Aber merkwürdig: Wenn es in die Erde getan wird, dann wächst eine große Staude daraus hervor, und ein dicker, fetter Spatz, der Hunderte von diesen Körnlein zu seinem Frühstück gepickt hat, kann sich auf seinen Zweigen schaukeln.

Hier entsteht nun die Frage: Hat Jesus damit sagen wollen, dass das Christentum den Weltkreis erobern wird? Ganz bestimmt hat er das nicht gemeint. Sondern er denkt daran, dass seiner Gemeinde eine Strahlkraft, eine Dynamik innewohnt, die alles um sie herum Liegende und Stehende ergreifen muss.

Man muss nämlich, um das zu verstehen, nur einmal an die anderen Bilder denken, in denen die Gemeinde so als Wirkstoff, als eine Art Vitamin der Welt veranschaulicht wird.

Da ist vom »Sauerteig« die Rede, der die ganze Masse des Mehls durchsäuert und in seiner Qualität verändert. Da ist vom »Salz« die Rede, das auch in kleinsten Quantitäten einen ganzen Teller Suppe verändert. Da ist endlich von der Gemeinde als einem »Licht« in der Welt die Rede. Wie winzig klein ist die Lichtquelle eines Autoschein­werfers, und wie riesig und viele Raummeter erfüllend ist der Licht­kegel, den er aus der gigantischen Finsternis einer nächtlichen Land­schaft herausschneidet!

So, meint der Herr, ist es mit den Christen: Nur auf die Menge ge­sehen, bleiben sie ein kleines Häuflein, da sind sie eine hoffnungslose Minorität, und Luther hat gewusst, was er sagte, als er den Christen einen einsamen Vogel nannte, der irgendwo auf dem Dach sitze und sein Liedchen trällere. Wir haben das ja alle schon einmal an uns selbst erlebt, wie es ist, wenn wir in unserem Betrieb oder im Büro oder in unserer Klasse niemanden haben, der in den entscheidenden Dingen des Lebens mit uns einig ist.

Wir sind in der Minorität. Nur dass Jesus uns nun zu verstehen gibt: Dieser quantitative Gesichtspunkt des Abzählens ist völlig falsch. Wie lächerlich ist es, zu sagen: Hier sind ein paar Gramm Hefe, und da sind zwei Pfund Mehl. Nach der demokratischen Verfassung des Backofens muss also das Mehl den Ton angeben, weil die Hefe überstimmt ist. Jesus sagt uns gerade umgekehrt: Es kommt darauf an, wo die eigentliche Wirkkraft sitzt, und die hat eben die Hefe und nicht das Mehl; die hat das Salz und nicht die Suppe; die hat das Licht und nicht die hundert Kubikmeter Finsternis.

So lange die Salzkörner freilich im Salzfass sind, und so lange das Licht unter dem Scheffel ist, merken sie nichts von dem, was ihnen als Kraft innewohnt. Und wenn das Licht denken und träumen könnte, würde es vermutlich Angstvorstellungen bekommen, wenn es sich klarmachte: Draußen ist alles kohlrabenschwarze Nacht, und ich bin nur ein kleines Licht. Was soll ich da machen?

Das ist genau die Angstvorstellung vieler Christen, vielleicht unser aller geheimer Alpdruck, wenn wir so im Banne des verfluchten Zahlendenkens zu dem Minderwertigkeitskomplex der Minorität kommen, wenn wir uns klarmachen, dass so viele prominente und einflussreiche Leute rein gar nichts von dem wissen wollen, der nun einmal unser Leben ergriffen hat, und wenn wir uns dann in das Salzfass und unter den Scheffel unserer christlichen Gesinnungsgemein­schaften zurückziehen, wo die paar frommen Körnlein und die christ­lichen Kerzenstümpfe verschüchtert zusammenhocken und Trübsal blasen.

Stattdessen sollten wir uns von Gott einmal den frommen Schwung und die herzhafte Keckheit schenken lassen, uns in die Weltsuppe und in die Weltfinsternis hinauszuwagen. Wir sollten dort, wo immer wir auch stehen, zu sagen wagen, wer wir sind und was wir glauben. Dann würden wir schon unser blaues Wunder erleben: dass der Herr näm­lich recht hat, wenn er von der Kraft des Durchsäuerns und des Leuch­tens spricht. Wenn wir die anderen und wenn wir unsere Umgebung nicht durchsäuern, wenn wir also unsere Christengabe nicht arbeiten lassen, werden wir selber säuerlich. Und die vielen säuerlichen Chri­sten und »verdruckten« Existenzen, die wir in der Kirche haben, das sind lauter Salzfaßprodukte, die sich nicht hinaustrauen; die sind dann selber von chemischen und psychischen Zersetzungsprozessen angefressen. Wir müssen uns ganz realistisch klarmachen, dass die Leute in unserer Umgebung, die Christus nicht kennen, ein sehr armes und fades Mehl sind, ja, dass sie den Wurm haben - auch wenn sie äußer­lich vielleicht »Großkopfete« und pikfein gemahlene Körner sind. Wir müssen uns einfach daran erinnern lassen, dass sie uns als Salz und Sauerteig bitter nötig haben. Dann verlieren wir ganz von selbst die Angst vor der Minorität und werden dessen inne, dass wir einen Auftrag haben und dass es sich lohnt - ganz einfach lohnt! -, den Ver­heißungen Jesu zu trauen und realistisch mit ihnen zu rechnen.

Genau dasselbe meint das Gleichnis vom Senfkorn. Auch da liegt der Ton nicht auf dem äußeren Größerwerden. Wie dumm sind deshalb viele Auslegungen, die aus diesem Gleichnis so etwas wie eine totale Christianisierung unseres Planeten herauslesen wollen, und wie handfest und massiv wird diese Auslegung schon durch die Tatsachen widerlegt (man schaue sich doch einmal eine Religionsstatistik an!). Nein, es geht hier wahrhaftig nicht um die Hebung der Ziffern der christlichen Konfessionen, sondern es geht um ein Wachsen des Chri­sten in seinen Funktionen; es geht hier um das Ausreifen seiner Be­stimmung und seiner Wirkkraft.

Zuerst liegt da ein winziges Körnlein, das sich nicht von alleine be­wegen kann, das jemand in die Hand nimmt oder liegen lässt oder das von einem Spatzen aufgepickt wird. Es ist ganz passiv. Aber das hört sofort auf, wenn es in die Erde kommt. Da wird ein großer Baum daraus, der Schatten spendet und den Vögeln dient.

Genauso ist es nun mit den Christen. Manchmal fällt nur ein einziges Körnlein des göttlichen Wortes in ein Menschenherz. Und wie winzig und unscheinbar sind die Worte oft gewesen, die Jesus Christus ausgesät hat und die den Menschen dann zum Schicksal wurden:

»Folge mir nach!« sagt er, und als der Zöllner Matthäus das hörte, da war es um ihn geschehen, und er wurde zu einem Botschafter für die ganze Welt. - » Siehe, das ist Gottes Lamm.« Als der Fischer Johannes das hörte, da begann alles in ihm zu schweigen, was er bisher gedacht und gesagt hatte, und nun wurde er ein Zeuge, von dem unser Glaube noch heute zehrt. - »Gehe hin, dein Glaube hat dir geholfen.« Als die Trauernden und Leidenden das hörten, begann in ihnen ein Feuer zu brennen, das sie heute noch als Zeugen des Heilandes über der Welt leuchten lässt. Diese kleinen Wortkörner sind zu Schicksalsworten geworden, die als Sterne auch an unserem Himmel leuchten und die noch die Weltnacht durchglänzen werden, wenn die letzten Wehen der Geschichte über uns kommen.

Das also, was die Welt angeht und was einmal in Ewigkeit bleibt, wenn Flitter und Tand und Scheingröße in das Nichts zerstoben sein werden, das hat in mikroskopischer Winzigkeit und unter vier Augen und mit einigen kaum vernehmbaren Silben begonnen. Nun begann in irgendeinem Herzen - ja, man muss noch hinzufügen: nicht im Herzen eines Genies, sondern im Herzen armer Fischer, in unschein­baren Individuen, die auf der Bühne der Geschichte nur die Rolle von Statisten spielen - dieses stille Wort zu arbeiten, und nun wächst da etwas, nun ist da etwas los. Haben wir einmal beobachtet, was pas­siert, wenn ein Samenkorn zwischen die Ritzen einer Mauer fällt, wie dann die Wurzeln des entstehenden Baumes das Gestein sprengen? So ist es auch mit jenen kleinen Wortkörnern, die Gott in unser Herz gesenkt hat. Die wollen nicht in den Ritzen und Spalten unserer Innerlichkeit hängen bleiben, sondern sie sprengen den inneren Men­schen und wollen ans Licht.

Ganz Gewiss: Der Glaube beginnt in der Stille des Herzens, und er muss auch immer wieder in die stille Zwiesprache mit Gott zurück. Wenn er aber nur im Innern bleibt, dann zersetzt er sich und wird zu einer unausgelüfteten Frömmigkeit. Wenn er dagegen nur immer draußen sein will, dann verdorrt er und wird steril in einem christ­lichen Betrieb, der von den ewigen Quellen abgeschnitten ist. Auch ein wachsender Baum vergrößert ja in dem gleichen Maße, wie er den sichtbaren Raum erfüllt, sein unsichtbares Wurzelwerk unten im Erdreich.

Und gerade wir heutigen Menschen, die wir meist so entsetzlich viel zu tun haben, die wir dauernd unterwegs sind, zwischen klingelnden Telefonen sitzen und vom Karussell des täglichen Umtriebs herumgewirbelt werden, gerade wir sollten uns sagen lassen, dass wir nur

in dem Maße sichtbar und sozusagen öffentlich werden können, wie wir uns tiefer in den Erdboden graben und mit immer zahlreicheren Fasern die Kraft der Ewigkeit und des Friedens Gottes in uns aufnehmen.

Wer seinen Tag einfach nur blind drauflos wachsen lässt, wer also nicht die Zwiesprache mit Gott all den tausend Worten vorangehen lässt, die er mit den Menschen zu reden hat - schriftlich und münd­lich! -, der wird morsch bis ins Physische und bis in die Nerven hinein. Und das, was man Managerkrankheit nennt, ist oft nur ein Symptom dieser Unordnung im Erdreich unseres Lebens.

Oft genug sitzt diese Krankheit eben nicht in den Verzweigungen unserer Nerven, sondern in unseren Wurzeln, die verkümmert sind. Luther hat vier Stunden am Tage gebetet; nicht trotzdem, sondern gerade deswegen konnte er seine Berserkerarbeit leisten. Arbeiten ohne zu beten und ohne zu hören, das heißt: nur »nach oben« wachsen und sich ausdehnen wollen, ohne gleichzeitig Wurzeln zu schlagen und also ohne ein Äquivalent im Erdreich zu schaffen. Wer so arbeitet, lebt ganz schlicht »unnatürlich«. Das lehrt das Gleichnis der Bäume.

Aber das ist nur die eine Seite der Sache. Denn genau so wie der wachsende Baum in das Erdreich hinuntergreift, so drängen nun auch die Wurzeln heraus und sprengen die Erdrinde unserer Innerlichkeit. Das Wort Gottes, das als Korn in unser Herz gefallen ist, enthält eine unerhörte Sprengkraft; es will heraus, es will Baum werden und Früchte bringen. Im Tübinger Botanischen Garten wächst eine Palme, die nicht mehr in ihr Glashaus passt. Einmal hat man dies Gewächshaus schon um einen gläsernen Stock erweitert; aber nun geht es bald nicht mehr. So scheint es mir auch mit manchen Christen zu sein: Sie leben in ihren frommen Zirkeln und erbauen sich und kommen sich wunder wie fromm vor. Sie ziehen immer neue Glaswände um ihre Frömmigkeit und ihre Gemeinschaften herum, damit ja der Palmbaum ihres Glaubens von keinem Lufthauch berührt wird. Aber sie kommen nicht darum herum: Sie müssen sich entscheiden, ob sie das Glashaus abbrechen oder den Baum vernichten und verstümmeln wollen. Denn das Reich Gottes will frei wachsen, und es wächst unwiderstehlich, wo einmal der Same in ein Herz gefallen ist. Aus die­sem Herzen will es dann herauswachsen und will die Zweige über unsere Ehe und unsere Familie breiten. Da will es dann ein Neues gestalten. Und auch unsere Kinder sollen in diesem Ozon aufwachsen und die gute Luft atmen, die uns dieser Baum schenkt. Und dann will es über unseren Beruf hinwegwachsen, und unsere Kollegen und Kameraden sollen spüren, dass da eine schöpferische Kraft an der Arbeit ist.

So kommt mit dem Samen des Wortes eine heimliche Revolution in die Welt: Zuerst werden einige Menschen anders; dann ändern sich die Verhältnisse, in denen sie leben, und schließlich drängt dies Wachsende bis in die äußersten Schalen, und auch der Staat wird etwas davon merken.

Sehen wir nicht in unseren Landschaften immer wieder ein Gleichnis für das Umgekehrte: Wie nämlich überall dort, wo man den Samen ausgerottet und die Bäume gefällt hat, durch diesen Kahlschlag das Klima sich ändert, wie hier jedes Unwetter einen Erdrutsch, Über­schwemmungen und Lawinen bewirkt? Soll ich Nationen nennen, die mehr oder weniger programmatisch ohne Gott leben, und die nun als Unruheherde, ja als Fermente der Verwesung im alten Europa wirksam sind? Und greift dieses Schicksal des Kahlschlages, greifen diese Gifte der Verwesung nicht auch schon nach uns?

Doch ich muss innehalten, weil uns das Bild vom Kahlschlag zu be­trügen droht.

Ist es denn überhaupt so, dass der Glaube an Jesus Christus von der Axt der anderen ausgerottet wird? Ist das denn selbst im bolsche­wistischen Russland so gewesen? War und ist es nicht vielmehr so, dass überall dort, wo der Antichrist herrscht oder wo das Vakuum von Existentialismus und Nihilismus regiert, die Christenheit zuerst einmal steril geworden ist und den Tod in den Topf gelassen hat, dass sie den Baum nicht hat wachsen lassen und dass sie eben nicht jene Explosivkraft besaß, die alle Schalen, Scheffel, Glashäuser und Salz­fässer sprengt? Fromme Leute hat es immer gegeben, sogar bei den Heiden. Sie sollten sich ja nicht einbilden, dass Frömmigkeit eine

Garantie dafür sei, dass man das Reich Gottes zum Zuge kommen lässt. Wie viele machen aus dem Wort von den Stillen im Lande ein Ruhekissen der Erbaulichkeit! Gewiss, ein Christ ohne Stille ist ein Baum ohne Wurzeln. Aber ein Christ, der nur still ist, der also ver­schweigt, was ihm zuteil geworden ist, und dessen Wesen und Ar­beiten, dessen Lachen und dessen Kameradschaft man nichts von alledem anmerkt, der ist - ich bitte, den Ausdruck zu entschuldigen, aber er trifft so genau die Sache, dass ich ihn nicht aus bloßer Kanzel­vornehmheit verschweigen darf - ein Blindgänger; der ist Dynamit, das nicht losgeht.

Wenn die Welt noch nicht anders geworden ist, und wenn die Welt­menschen boshaft genug sind, uns mit der Frage zu ärgern, was in den zweitausend Jahren Christentum sich eigentlich geändert habe, dann liegt das nicht an den bösen Heiden, die das Reich Gottes sabotiert hätten, sondern dann liegt das an den vielen christlichen Blindgängern, die sich ins Erdreich verdrückt haben und meinen, sie hätten ihre Schuldigkeit getan.

Wir sollten einmal kontrollieren, ob in unserer nächsten Umgebung auch nur irgendein kleiner Einschlag erkennbar ist, der spüren lässt, dass uns eine sprengende Kraft anvertraut ist. Wir sollten einmal in unserer Familie oder in unserem Betrieb nachsehen, ob da - nun ver­wende ich wieder das sehr viel schönere und tröstlichere Bild des Gleichnisses nur ein oder zwei Menschen sind, die unter den Zweigen jenes Baumes leben dürfen, der da in mein und dein Herz gepflanzt wurde, und ob sie von seinem Schatten erquickt und gestärkt werden. Dann merken wir vielleicht, wen wir in all unserer Frömmigkeit ver­leugnet haben; dann wenden wir uns vielleicht um und tun Buße, ehe der Hahn zum dritten Mal kräht.

Wir müssen noch eine letzte Falte im Text unseres Gleichnisses auseinander nehmen, in der ein geheimer, aber überaus wichtiger Hinweis auf seinen Sinn verborgen ist.

Es heißt nämlich nicht, dass wir als Christen oder dass wir als Kirche so etwas wie ein Senfkorn und ein Sauerteig wären, sondern es heißt, dass das Reich Gottes dieses beides ist. Diese Unterscheidung ist wich­tig: Wir haben nicht den Befehl, dass wir die moralischen und geisti­gen Kräfte des Christentums mobilisieren und die moderne Welt samt ihren gesellschaftlichen Ordnungen, ihrer Kultur, ihrer Technik damit durchdringen sollen - vielleicht sogar noch zu dem besonderen Zweck, dem alten und etwas müde gewordenen Europa damit einige mora­lische Vitamine zu injizieren und es religiös aufzumöbeln. Es geht um etwas unvergleichlich Schlichteres als diese Expansion des christlichen Geistes. Die ergibt sich, wenn überhaupt, nur wie nebenbei und als bloßes Nebenprodukt des Eigentlichen. Dieses Eigentliche und Schlichte besteht darin, dass wir gar nichts anderes tun, als das Wort des Herrn in uns keimen, wachsen und blühen zu lassen; oder auch umgekehrt gesagt: dass wir immer tiefer in die Gemeinschaft mit Jesus hineinwachsen (Z. Kor. i, 5; Eph. 4, 13. 15). Damit Jesus aber groß werden kann, muss ich gerade kleiner und immer unwichtiger werden. Jesus kann die Welt nur mit Leuten gewinnen, die ihn wollen und darum nichts mehr für sich selber wollen. Wenn die Christenheit ihr Leben gewinnen will - wenn sie ein Faktor in der Welt sein will, den man beachtet, der Massen auf die Beine bringen kann und in den Spalten der Zeitungen vorkommt -, dann wird sie ihr Leben gerade verlieren. Und nur jemand, der zunächst einmal gar nicht nach drau­ßen blickt, sondern einfach und schlicht darauf bedacht ist, dass Jesus an jedem Tag neu in seinem Leben groß - für ihn groß - wird, der wird ganz von selbst zu einem Herold und einem Welteroberer. Der wird das Erdreich besitzen.

Ich meine, dass in dieser Botschaft unseres Gleichnisses auch ein Hinweis läge für das uns alle so unheimlich bewegende Ost-West-Pro­blem:

Wenn wir uns heute Gedanken darüber machen, was wir der ent­seelten, personlos gewordenen und mechanisierten Welt des Ostens entgegenzusetzen haben, was wir überhaupt zu verteidigen wünschen, so hören wir immer wieder und geben uns selbst gern die Antwort: Wir wollen unsere Welt der Freiheit, wir wollen keine Angst haben, dass wir nachts aus dem Bett geholt werden, wir wollen, dass jedem

sein Recht wird, wir wollen eine »menschliche« Welt, in der es warm und heimelig, und wir wollen keine Welt von Robotern und Ter­mitenmenschen, in der es kalt und unheimlich ist. Vielleicht fügt man hinzu: Wir wollen jene Welt, in der das Christentum verlässliche Werte und Ordnungen formt, in der es ein Menschenbild geprägt hat, in dem die bestialischen Urinstinkte gezähmt und die humanen Werte des Gewissens und der Persönlichkeit zur tragenden Idee geworden sind. Wie viele sagen das, und wie viele meinen das auch ehrlich und bitter ernst. Und doch tut man mit diesen Worten nichts anderes, als dass man die Leiche des alten Europas einbalsamiert, statt sich an das zu erinnern, was uns wirklich beseelen und beleben sollte. Darf ich das, was ich meine, an einem anderen Gleichnis Jesu illustrieren?

Als der verlorene Sohn von seinem Vater Abschied nahm und in die Fremde ging, da tat er das ja nicht, um ein Lump zu werden, sondern um zu wachsen. Er sagte sich – ich wies in einer früheren Rede darauf hin –: »Unter der Fuchtel und unter der Autorität des Vaters kann ich mich nicht entfalten. Ich muss einmal frei, ich muss einmal ich selbst sein dürfen. Darum will ich raus in die Fremde, wo ich das Bild verwirklichen kann ,des, das ich werden soll` (Fr. Rückert), und wo mich keiner von jener Bahn ablenkt, die ich nach meinem Lebens­gesetz durchlaufen muss.« Er sagte sich: »Ich habe ja eine gute Erb­anlage, stamme aus bestem Hause, und auch materiell bin ich ordent­lich ausstaffiert. Mit dieser Mitgift meines Lebens werde ich's schon zu etwas bringen.«

Aber dann zeigte sich, dass das alles im Nu vertan war und dass er mit all diesen guten Keim- und Erbanlagen nicht wuchs, sondern vor die Hunde ging. Man kann die Gaben des Vaters nicht haben, wenn man den Vater nicht will. Dann zerrinnen sie einem zwischen den Fingern. Die Angst, dass es auch mit uns so kommen könnte, befällt mich immer, wenn in den Zeitungen so viel vom christlichen Abendland, von den christlichen Prinzipien der Politik und von christlicher sozia­ler Nächstenliebe steht und wenn es kaum eine Jubiläumsrede oder eine bessere Neujahrsansprache gibt, in der dieser pathetische Ab­gesang des verlorenen Sohnes nicht angestimmt wird.

Warum ich mich vor diesen so solide und verlässlich klingenden Phrasen fürchte? Weil man eben wohl noch die Gaben des Herrn Christus, aber nicht mehr ihn selber will. Er ist einmal durch unser Volk und durch unseren Erdteil gegangen. Seine Apostel und Mis­sionare und Reformatoren waren die Botschafter, die uns sein Wort überbrachten und die uns dazu einluden, ihn unseren Heiland sein zu lassen. Und indem unsere Väter diese Hand Gottes ergriffen, indem sie in seinen Frieden kamen und aus aller Lebensangst und Schuldnot zur Versöhnung des Kreuzes fanden, wuchs in ihnen auch ein ganz neues Menschentum. Was wir heute »Gewissen«, »Freiheit«, »Humani­tät« nennen, das haben wir ja alles von ihm, das wuchs uns ja zu, als wir das ewige Herz gewannen. Am Bilde des Heilandes wuchs uns das Bild des Menschen. An der Freiheit eines Menschen, dem die Sünden vergeben und die Ketten gesprengt wurden und der »ein Herr aller Dinge« ist, entstand unser Ideal der Freiheit. Nach dem Bilde dessen, der die Welt überwand, wurden unsere Ideale vom Leben und vom Sterben geprägt.

Und nun wollen wir alle diese guten Gedanken, Ideen und Lebens­grundsätze zwar weiter behalten – denn sie haben sich bewährt –, aber wir wollen sie ohne ihn. Wir haben bei Jesus von Nazareth ausgelernt, wir haben ihm Valet gesagt und tragen die guten Gedanken vom Leben und vom Sterben, von der Menschlichkeit und vom Nächsten als treues Vermächtnis in unserem Herzen. Aber er selbst ist für uns ein Mythos geworden, ohne den wir nun auskommen wollen. So wandern wir, ohne es zu merken, in der Fremde. Die geistige und kulturelle Maschinerie des Westens, des christlichen Westens, schwingt noch ein paar Jahrzehnte nach, aber der Motor ist abgestellt. Eine Zeitlang hält das mitgebrachte Kapital noch durch, aber das Vaterhaus liegt uns im Rücken. Wir laufen mit dem vermeintlichen christlichen Erbe herum und meinen, das sei doch etwas, wofür zu leben es sich lohne, und das sei doch eine anständige, reelle Welt der Werte, die den Gespenstern des Ostens trotzen könne. Und dabei leben wir von der Substanz, die sich rasend verzehrt, weil der Nachschub aus der Ewig­keit fehlt und weil der Kontakt mit dem Vater unterbrochen ist.

Und während wir naiv vom christlichen Abendland schwärmen, ver­nehmen die Hellhörigen schon das Heulen der Wölfe, die aus dem Keller nach oben drängen (Nietzsche hat zu diesen hellhörigen Mah­nern der Christenheit gehört), und sehen die Hellsichtigen in der Ferne schon den Schweinetrog und erkennen die kommende Bestiali­sierung, nachdem die Humanitätsträume ausgeträumt sind. Und sollte dann die Bewegung, die Jesus von Nazareth einst entfachte, nicht vielleicht auch zum endgültigen Stillstand gekommen sein?

Verstehen wir nun, was das heißt, wenn im Gleichnis gesagt ist: Nicht die Christenheit wächst, nicht die Kirche, nicht das christliche Abend­land wächst? Wenn der Leib Christi sich zu vergrößern scheint, wenn in Rundfunk und Presse christliche Vokabeln zu finden sind, wenn es fast so etwas wie eine Mode geworden ist, auf Wort und Rat der Kirche zu hören, und wenn auch solche, die persönlich nichts mit Jesus von Nazareth zu tun haben wollen, immerhin das so genannte Gedankengut christlicher Parteien und ähnlicher Bewegungen »be­jahen« - wenn also der Leib Christi so wächst, könnte das dann nicht (ich stelle nun eine entsetzliche und beklemmende Frage) eine Krebs­geschwulst und also eine krankhafte Zellenwucherung sein, könnte es nicht Rummel und Betrieb sein und also mehr mit den Nerven oder auch mit taktischer Schläue zu tun haben als mit einem Herzen, das unter dem Kreuze Frieden gefunden und die Heimat des Vaterhauses wiedergewonnen hat?

Wie können wir denn diese krankhaften, krebsartigen Wucherungen von einem wirklichen Wachsen des eigentlichen Organismus unterscheiden? Nur so - das zeigt uns Jesu Gleichnis -, dass wir an ihm wachsen, dass wir sein Wort in uns Gestalt gewinnen und dass wir alles, was wir sind und denken und tun, von ihm durchdringen lassen, dass wir morgens mit ihm aufwachen und er unser erster Gedanke ist, dass wir in unserem Kollegen und Arbeitskameraden den Menschen sehen, für den er gestorben ist, dass wir unsere Arbeit durch ihn heiligen lassen, dass wir ihm für die Freuden und Erfüllungen unseres Lebens danken und die Schmerzen und Züchtigungen aus seiner Hand nehmen, und dass wir endlich uns beim Sterben »seine Hand unter

den Kopf legen lassen, damit er uns hebe und halte« (Matthias Clau­dius).

Nur wenn wir ihn so in unser Leben hineinlassen, wird sein Wort in uns wachsen und keine christliche Krebsgeschwulst entstehen. Nur dann werden wir nicht vom Kapital der Väter leben, sondern dem Lebensstrom des Vaterhauses angeschlossen sein. Dann werden wir wissen, warum es sich zu leben lohnt, weil uns das wahre Leben erschienen ist. Dann aber, nur dann, werden wir den Herrn Christus auch in die Politik und in die soziale Ordnung und vielleicht sogar einmal in das verödete und verdurstende Russland bringen, in das so blindlings suchende China und nach Afrika, an dem das christliche Europa sich so furchtbar vergangen hat. Aber die Verheißung, dass der Baum so über die Welt hinwächst, haben wir nur, wenn wir das Senf­korn in uns selber wachsen lassen, ganz einsam, ganz still und im Zwiegespräch mit Jesus.

Dir und mir ist das Senfkorn anvertraut, aus dem einmal Zweige wachsen sollen, die sich über die Erde breiten und in denen die Vögel des Himmels wohnen sollen. Trachte nicht nach diesen Zweigen, son­dern pflege das Korn. Trachte am ersten nach dem Reiche Gottes, trachte danach, dieses Kleinste in deinem Herzen aufzunehmen und zu bewahren, so wird dir alles andere - auch das christliche Abendland, auch die christliche Sendung für die Welt - zufallen.

Wir haben einen Heiland, dem die Welt gehört und vor dem sich aller Knie beugen werden. Und weil wir mit Macht auf seinen Tag zugehen, haben wir einen langen Atem. Darum braucht uns das Kleinste nicht zu klein zu sein. Das Große aber ist bei ihm verborgen, und er gibt es mit der linken Hand.

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